Verfasst von: Fionn | Januar 27, 2010

Vier Monate Dominikanische Republik – Ein Résumé

Gerade habe ich eine Freistunde und denke, es ist mal an der Zeit, etwas über die vergangenen 4 Monate zu schreiben. Ich versuche es etwas allgemein zu halten und vielleicht erste Erwartung mit praktischen Erlebnissen zu vergleichen. Danach gibts noch einen kurzen Bericht vom hoechsten Berg der Karibik, dem Pico Duarte.

Familie

Mit meiner Familie bin ich super zufrieden. Abgesehen davon, dass sie sich oefters beschweren, dass ich sehr oft weggehe. Ich meine damit habe sie ja auch Recht, aber ich will auch etwas sehen solange ich hier bin. Die einzige, die mich ein bisschen versteht ist meine Gastmutter. Zumindest tut sie so. Von den anderen krieg ich fast taeglich zu hoeren “Fionn tu andas muchooo” (du gehst oft weg)…. Auf einer Seite nervt es mich, auf der anderen, verstehe ich sie. Sie kennen es fast nur sich entweder in Guaricano (meinem Viertel) aufzuhalten, oder mal ins Heimatdorf zu fahren. Deshalb ist es auch immer ein riesen Event, mal in die Stadt zu gehen. Wenn sie dann noch hoeren (und Fotos sehen), wie ich in Guadeloupe, Isla Saona, Pico Duarte…… war, kann ich es verstehen.

Mit der Lebenssituation war ich anfangs etwas geschockt. Jetzt geht es mir aber super da. Ich bin gluecklich mit meinem Zimmer. Das Bad stoert mich auch nicht mehr so sehr. Wenn Strom da ist, kann ich sogar ins Internet. Es wohnen in dem Innenhof viele Freunde und Familie. Ich habe meine Privatsphaere. Also alles in einem geht es mir da echt gut. Deshalb waere fuer mich ein Umzug sehr schlimm. Doch auch wenn wir umziehen werde ich mich an die neue Situation gewoehnen.

Meine Gastbrueder sind einfach nur super. Yunior (der aelteste) beschwert sich zwar auch ab und zu ueber meine Abwesenheit, ist aber dann umso gluecklicher, wenn ich etwas mit ihm mache. Smailyn (hat heute Geburtstag) ist definitiv der frechste, aber freut sich auch immer wie ein Schneekönig mich zu sehen. Das beruht natürlich auf Gegenseitigkeit. Er kann manchmal auch sehr nervig sein aber das ist wohl normal. Die kleine Emely ist so suess, dass ich manchmal viel zu geduldig mit ihr bin. Gestern hab ich z.B. mit allen Drei auf dem schoss “Hoppe Hoppe Reiter, wenn er faellt dann schreit er……” gespielt. Fanden sie alle super. Selbst der große. Ich muss auch zugeben, dass der große manchmal noch sehr anhänglich ist. In Deutschland ist es nicht so üblich, dass ein 10 jähriger Junge einfach so die Hand nimmt (oder?). Er hat es schon in den ersten Tagen mit mir gemacht, als wenn es nichts normaleres geben würde. Denke, dass ist hier wohl üblicher.

Meine Gastmutter Altagracia, ist immer super nett zu mir. Sie nennt mich immer “Mi hijo”, “Mi niño” oder “Mi amor”… Natürlich erwidere ich es dann dementsprechend. Auch wenn es manchmal nicht so echt rüberkommt. Mit der Emanzipation ist es hier noch wie bei uns in den 50 Jahren vielleicht. Natuerlich gibt es ausnahmen, von denen ich aber nur wenige kennenlernte. Paul sagt immer “Ich wundere mich warum die Frauen das hier alles noch mitmachen und noch nicht auf die Barrikaden gegangen sind”. Ich wundere mich ehrlich gesagt auch. Die meisten Männer machen hier was sie wollen und werden von vorn bis hinten bedient. So war wohl der echte Vater von meinen Gastbruedern auch. Das einzige was ich von ihm weiss ist, dass er ein ziemliches Arschloch gewesen sein muss. Zum Glück ist der Freund von meiner Gastmutter nicht so. Nixon – genannt Nino, ist ein lockerer, netter Mensch. Er scheint ein richtiges Arbeitstier zu sein. Oft sehe ich ihn Tagelang nicht. Er kommt oft erst, wenn ich im Bett bin und geht, bevor ich aufstehe. Er arbeitet entweder in seinem Friseur-Salon oder privat irgendwas mit Elektronik. Er laesst mich auch nie zahlen, wenn er mir die Haar oder einen Bart schneidet.

Mit meiner Gasttante Fior komme ich auch super zurecht. Mit ihr und mir zusammen wohnt dann noch ihr Mann, Freilin. Da gibts wohl oefters Stress. Letztens hat er sogar schon seine Sachen gepackt. Er durfte dann aber wieder zurück.

Projekt

Ohne mein Projekt wäre es sehr hart für mich… Ich bin echt Glücklich so etwas machen zu können. Ich merke das bei anderen Freiwilligen, die in ihrem Projekt nicht gebraucht werden. Das Gute ist, dass AFS DOM sich so gut wie gar

AFS-Esel auf dem Pico Duarte

nicht um uns kuemmert und die anderen sich einfach selber neue Projeklte suchen koennen. Zwar sind sie offiziell noch bei ADR, aber arbeiten tun sie dann woanders. Ehrlich gesagt bin ich da fast sogar neidisch drauf. Da gibts bestimmt noch ein paar sehr interessante, sinnvolle Projekte hier im Land. Bedarf ist genug da.

Ich koennte jetzt noch ein paar Stunden ueber AFS meckern, aber das spar ich (euch) mir. Nur als Tipp fuer zukünftige Weltwaertsler/Freiwillige: Überlasst EIN Jahr eures Lebens nicht irgendeiner Massenabfaertigungsaustauschorganisation. Sucht euch eure Projekte selber aus, kommuniziert mit den Projekten vorher. Dadurch wisst ihr und das Projekt was erwartet werden kann. Das haette ich auch gern alles vorher gewusst. Dann haette ich mir das mit dem Geld / den AFS-Spenden nochmal anders ueberlegt. Natuerlich weiss ich nicht wie AFS in anderen Laendern ist, deshalb will ich hier nicht ganz AFS in Mitleidenschaft ziehen. Ich will nur sagen, dass Verbesserungsmöglichkeiten bestehen.

Ab nächste Woche will Paula mir helfen, hier ein bisschen Ordnung reinzubringen. Ich bin so damit am kämpfen, dass die Rechner laufen, dass ich einen strukturierten Unterricht kaum hinbekomme. Natuerlich liegt das auch daran, dass viele nicht die Maus bedienen koennen. Heute habe ich endlich mal eine ganze Stunde Programm machen koennen. Wir haben Tippen geuebt. Die ganze Stunde lang. Es hat ihnen sogar Spass gemacht. Trotzdem warte ich hoffnungsvoll auf die PC’s aus Deutschland. Die folgenden Stunden liefen leider nicht so gut. Man erkennt so deutlich an den Kindern, die Fähigkeit bzw. Durchhaltungsvermögen der Klassenlehrerinnen. Bei 1-2 Klassen, hatte ich sofort einen guten Eindruck der Kinder und dessen Lehrerinnen. Bei den anderen ist es sehr schwer sie zu motivieren. Als Beispiel ist es mir schon ein paar mal vorgekommen, dass ein Lehrer zu mir sagt “Ella no sabe” bedeutet soviel wie “sie weiss nix” oder “sie ist zu dumm” und dass alles wenn der entsprechende Schueler dabei ist!!! Behinderung hin oder her, als wenn die es nicht merken wuerden, wenn so ueber sie geredet wird. Boaaa koennte ich mich ueber manche Lehrer aufregen… Da bin ich auch nicht der einzige. Nina aus der Trabajo Social (Soziale Arbeit) erzählt oft aehnlich schlimme Erfahrungen. Auch mit Gewalt usw….

Jetzt bin ich schon wieder abgeschweift. Zurueck zum Projekt: Ich brauche noch Rechner!!! Hat jemand Ideen? Vllt auch wegen Transport?

Land

Abgesehen von den riesen grossen Kulturunterschieden, die manchmal schwer sind anzunehmen bzw. zu dulden, geht es mir hier ganz gut. Natuerlich hab ich mir in Deutschland das nie so vorgestellt, aber das ist wohl auch unmoeglich. Als Beispiele: Warten wegen unpuenktlichkeit, vordraengler in der Essensschlange, teilweise sehr indirekte Kommunikation, diese ganzen “Machos” und erstrecht, dass dulden ihrer respektlosen Sprueche (natuerlich nicht mir gegenueber ;) sondern den weiblichen Freiwilligen oder Dominikanerinnen) und diese Doppelmoral in der hier gelebt wird… Abgesehen davon sind die Menschen meist sehr freundlich und froehlich. Das muss auch mit der Musik zusammenhaengen. Egal wie oder wo sie Leben, die Musik macht sie alle gluecklich. Und zu Bachata und Merengue hab ich sogar lust meine Hueften zu schwingen. Auch wenn das dann bestimmt wesentlich unbegabter aussieht als bei den Dominikanern :) Ich glaube, die meisten tanzen schon sobald sie laufen koennen. Ich denke, dass es fuer ein Dominikaner genauso schwer waere sich in Deutschland zurechtzufinden. Er wuerde warscheinlich genauso viele nervige bzw. weniger tolle Sachen an der deutschen Kultur finden.

Es ist sehr schwer ueber so etwas zu schreiben. Vielleicht ist es einfach unmoeglich textuell auch nur einen realistischen Eindruck der Kultur oder vom Leben hier zu ermoeglichen. Deshalb: Abgesehen von einigen Kulturunterschieden, fuehle ich mich ganz wohl. Das liegt aber auch daran, dass wir hier auch oft was unter Auslaendern machen oder die ganzen Ausfluege… Kann schon sein, dass ich manchmal unbewusst oder bewusst vor der Kultur fliehe.

Ueber die Schoenheit des Landes muss ich ja nix mehr schreiben. Das habe und werde ich in den Blogartikeln zeigen. Eins muss einem nur Bewusst sein, in so einem Resort findet man garantiert nicht die Schönheit des Landes. Vielleicht ein paar schoene Palmenstraende aber das waere es mir persoenlich nicht Wert.

Pico Duarte

Letzten Donnerstag klingelte der Wecker um 03.15 Uhr. Dann gings mit einem Taxi, dass weder Sicherheitsgurt, noch vorderen Sitz hatte, zum Treffpunkt. Es ging sogar schon eine halbe Stunde nach vereinbarter Zeit los. Wie sich jedoch spaeter raustellen wird, waere auch diese halbe Stunde zu wenig.

Mitten auf dem Weg, ich las gerade mein aktuelles Buch (On the Rock, ueber ein beruehmten Freeclimber Amazon: LINK), platzte der Reifen und wir verloren eine weitere halbe Stunde…

Gegen 11 ging es dann endlich los. Ich, natuerlich wieder total motiviert, bin mit Jonathan los gerast. Wir wussten, dass die erste Station leicht sein wuerde aber auch, dass es danach etwas schwerer werden wuerde. Es wurde echt Hart!! Jedoch fuer die etwas sportlicheren nicht so schlimm, wie für die untrainierten. Kate (Lehrerin aus den USA), Jonathan (anderer AFS-Freiwilliger) und ich kamen gegen 18.00 Uhr an. Dort erfuhren wir dann auch, dass es eigentlich garnicht erlaubt sein wuerde, den Park nach 10.00 Uhr zu betreten.

Am Morgen dieses Tages, liessen wir die schweren Rucksäcke mit den warmen Klamotten unten, damit sie von den Mulos hochtransportiert werden koennen. Neben den Rucksaecken waren auch Zelte und Essen mit bei den Mulos.

Wir mussten also ohne warme Klamotten, Essen und Zelte auf ca 2.400m warten. Ein paar andere Wanderer boten uns aber netterweise etwas zu essen an. Um 19.00 Uhr wurde es dunkel und damit auch Kalt. Wir konnten noch nicht einmal ein paar Zelte aufbauen, weil die ja noch mit den Mulos unterwegs waren. Die ersten nach uns, kamen gegen 20.00 Uhr. Sie mussten also alle im stockdunklen Wald, mit Taschenlampe auf den kleinen Pfaeden laufen. Echt Glueck, dass da nix passiert ist! Gegen 23.30 wurden die letzten mit Hilfe von Mulos und einem Einheimischen aus dem Wald gefischt. Daher relaxten wir, gegen unserem eigentlichen Plan, am naechsten Tag. Die Nacht war echt schlimm… Ich hatte mir so ein billig Schlafsack gekauft und dachte, als Sohn einer Wanderfamilie, dass es mit so wenig Klamotten wie moeglich, umso waermer sein wuerde. Wie ihr euch jetzt denken koennt, hab ich mich da getäuscht. Es liegt natuerlich am Material des Schlafsackes… Ich dachte meine Fuesse wuerden mir abfrieren….

Am Samstag gings dann hoch auf den Pico. Geplant war 04.30 Uhr. Tipp von einem Erfahrenen war 04.00 Uhr. Naja wir vertrauten auf die Puenktlichkeit und wurden mal wieder entaeuscht. Kate, Jonathan und Ich machten aber ordentlich Stress endlich loszugehen. Wir wollten nicht um 04 Uhr aufstehen um dann den Sonnenaufgang zu verpassen. Es ging um kurz vor 05 Uhr los. Wir Drei schafften es gerade Puenktlich vor dem Sonnenaufgang oben zu sein. Und, es lohnte sich den halben Gipfel hoch zu joggen :-)

Sonnenaufgang - Pico Duarte

Es war echt wahnsinnig schoen dort oben. Zu Weihnachten bekam ich ein Hanuta aus Deutschland und ich dachte mir, der brauch einen speziellen Moment:

Hmmmm Hanuta auf dem Pico Duarte :-)

Auf dem Rueckweg verliefen Junior und Ich uns noch. Zwischendurch wurde die Situation echt brenzlig. Erstrecht, weil wir nur einen begrenzten Wasservorrat hatten. Junior pfief sogar schon einmal das Notfall Signal. Kurze Zeit spaeter fanden wir dann aber einen kleinen Fluss mit Trinkwasser und gingen voller neuer Energie weiter und kamen dann auch schließlich zum richtigen Weg (nach ca. 5 std im Wald).

Verloren auf dem Pico Duarte...

Hier beim Abstieg mir Paula und Felix:

Abstieg vom Pico

Rueckweg war auch nicht einfach fuer die Knie. Das eiskalte Bad entschuldigte dann aber die Schmerzen :-)

Eeeiiiiieskalter Fluss am Pico Duarte

Hasta Luego,

Fionn


Antworten

  1. [...] Platz und ein paar Sportanlagen. Jarabacoa ist mitten im Land der DomRep. Gar nicht weit weg vom Pico Duarte. In diesen 3 Tagen konnte ich mich super einbringen, ich habe jede freie Minute mit den Kiddies [...]

  2. [...] Platz und ein paar Sportanlagen. Jarabacoa ist mitten im Land der DomRep. Gar nicht weit weg vom Pico Duarte. In diesen 3 Tagen konnte ich mich super einbringen, ich habe jede freie Minute mit den Kiddies [...]

  3. Hallo Fionn,
    ja, jetzt bist schon ganz schön lange weg von DTL. Aber ich freu mich, dass es dir doch gut gefällt – nirgends ist es natürlich perfekt. Und das, was du in der direkten menschlichen Beziehung dem Einzelnen weitergeben kannst – wiegt sehr viel. Sie werden lange noch an dich denken, weil du ein echt liebenswerter, genialer Fionn bist!
    Die Bergtour war ja ein spannendes Erlebnis
    Gut, dass du so sportlich bist !
    Vielleicht – als zusätzliches Erfolgserlebnis für dich und die Kids – kannst einen Unterricht auch mal machen ohne PC ?!
    “Die Reise nach Jerusalem”, Ententanz…
    Stadt/Land/Fluß an der Tafel…..Alle Vögel fliegen hoch…kannst es ja entsprechend umwandeln auf deren Ebene.
    Merkst du in der Stadt was von dem Chaos in Haiti ? Vom Christustreff Marburg sind 2 Krankenschwestern mit humetica in Haiti.
    Bleib du nun gesund und munter !
    Alles Liebe von Heike

  4. HI Fionni!

    Toller Bericht! Henning und Ingrid sind gerade vom Skiurlaub im Thüringer Wald bei uns zu Besuch. Wir haben schön Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Gleich fahren sie Petra von Northeim abholen, die bleibt dann eine Woche.
    Bei uns gibt´s übrigens Neuigkeiten… Mitte Mai bekommt Hannes ein Geschwisterchen. Hannes läuft jetzt ganz toll und versucht zu erzählen (mehr oder weniger).

    Sei ganz lieb gedrückt von uns fünf!!!
    Viele liebe Grüße,
    Henning, Ingrid, Michi, Hannes und Colli

  5. Hallo Fionn, in unser Schnee- und Glatteisland kam diese Tage deine leuchtend bunte Guadeloupe-Karte angeflattert. Ganz lieben Dank!! Und eure Fotos und deine Berichte von überhaupt allem, danke für die Mühe. Es ist einfach toll zu lesen!! Hab natürlich gleich für dich gevotet.
    Was du über manche Lehrer/innen schreibst, klingt wirklich schlimm, da glaub ich, dass du entsetzt bist. Da kann man sich wirklich nur zusammentun und versuchen, dagegen zu steuern.
    Pass richtig gut auf dich auf, tektonisch und neue-Wohnumgebungs-mäßig und überhaupt. Und grüße Henni bitte auch. Toll, was ihr alles leistet und danke, dass wir davon soviel mitbekommen,
    deine Iris


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