Verfasst von: Fionn | August 6, 2010

Vorurteile…

Wir tranken Bier und es war schon dunkel als sich eine zwiespaltige und augenscheinliche auf der Strasselebende Gestalt zu uns setzte. Wir sassen auf Bänken in einem Altstadtpark Santo Domingo’s. Ich dachte mir sofort “Mann schon wieder ein Bettler”, dem geb ich dieses mal nichts weil er sich so dreist zeigt und sich ohne zu fragen zu uns setzte. Jedoch sagte ich auch nix. Wir wollten ihn gerade auf spanisch verscheuchen als er anfing in fast perfektem deutsch mit uns zu reden. Damit erlangte er sofort unsere Aufmerksamkeit. Er war sofort von einem nervigen Bettler zu einer netten Erfrischung geworden und ich fühlte mich irgendwie schlecht sofort soche Vorurteilen gehabt zu haben. Ich denke solche Situationen sind vielen von euch bekannt. Man ist irgendwie unangenehm berührt und weiss nicht genau ob man einem Bettler nun einige Pesos/Cents geben soll oder nicht.

Er hatte echt Ahnung und plapperte von den ganzen “grossen” Deutschen, Goethe usw. Fing dann auch auch an davon zu erzählen, dass die Dominikanische Republik das netteste und unrassistische Volk wäre. Dass sie alle Ausländer willkommen heissen. Als wir dann aber fragten warum Haitianer immer noch als Schimpfwort benutzt wird, fing er an den Haitianern die Schuld zuzuschieben. Weil sie vor Jahrhunderten mal die DomRep besetzten. Aber warum heute, auch nach dem Erdbeben, noch “Malditio Haitiano” als Schimpfwort benutzt wird wollte er nicht so richtig beantworten?

Diese Meinungsverschiedenheit nahmen wir nicht als Grund ihn abzuwimmeln. Er erzählte uns, er wäre in Deutschland gewesen. Auf die Frage, was er dort macht, sagte er ohne Scham und mit gebrauch einiger vulgären Ausdrücken, dass er sich durch Beischlaf mit älteren Damen finazierte. Dann erzählte er noch einige Sätze über das schlechte Schulsystem der DomRep, Korruption und lauter so wunde Punkte, wo er warscheinlich wusste, dass wir ähnlich denken. Unglaublich denke ich mir, “ein typischer Dominikaner, auf der strasse lebend, aber gutes Deutsch und gebildet…”.

Nach 20-30 Minuten kam dann auch die berühmte Frage nach dem Geld. Wir gaben ihm ein bisschen aber sagten ihm auch, dass wir hier in Santo Domingo leben und 100€ Taschengeld im Monat haben.  Er bekam noch ein Bier und verdrückte sich dann langsam. Übrigens nannte er sich “Sueltame Bailo Solo” – heisst “lass mich, ich tanze allein”.

Eine ähnliche Situation hatte ich letztens in einem China-Fastfood-Restaurant. Ich war in einer ziemlich üblen Gegend in Villa Mella (Santo Domingo Nord). Das war der Eingang von Guaricano, dem Barrio wo ich wohn. Wirklich gern halte ich mich dort nicht auf. Da ich aber Hunger hatte und ich nicht wusste wo ich sonst noch was finden konnte, setzte ich mich dort ins besagte Restaurant. Als ich dann schon fast fertig war kam so ein kleiner Junge. Hier gibts viel Kinderarbeit. Schuhputzer, Kinder, die im Müll nach irgendwelchen wiederverwendbaren Zeug suchen und Cobradore (Kassierer in Bussen). Diese Kassierer fahren in so kleinen Bussen (ähnlich wie VW-Bus). Sie stehen in der offenen Tür und schreien immer das Ziel. In meinem fall ist das “Guarricano Multi Multi Multi”. Zum Vorstellen: kleiner Junge mit Kindergesicht aber eine Art wie ein Erwachsener. Mit dreckigen Händen, zerfetzten Klammotten, gerade mal 10 Jahre alt und so ein Job. Die warten dann immer einigen Minuten und fangen dann an zu kassieren. Sie stehen an der offenen Tür und lehnen sich vielleicht mit dem Po an den Rahmen. Dann benutzen sie beide Hände um das Geld der etwa 20 Passagiere einzusammeln. Irgendeine unvorhergesehene Aktion des Fahrers könnte den Tod dieser Kassierer bedeuten. Die heizen nähmlich auch immer ordentlich durch die vollen Strassen. Was für ein Glück wir paar Menschen aus “entwickelten” Ländern haben. Dort war nix ausser Spielen und Schule. Wir wurden nicht, warscheinlich vom eigenen Papa, auf die Strasse geschickt um ein paar Pesos nachhauszubringen um Bruder und Schwester zu ernähren.

Also der Junge rief mir etwas zu. Irgendwas mit “Agua”. Gleich dachte ich wieder an einen bettelden Jungen. Schüttelte den Kopf und gab ihm zu verstehen nix zu haben. Danach dachte ich nochmal darüber nach und mir viel auf, dass er nach “botellon de agua” fragte. Also so ein 30 Liter Wassertank. Gleich um die Ecke gibts so ein Laden wo diese verkauft werden. Puhh schämte ich mich wieder. Nur weil ich den kleinen Jungen missverstand dachte ich er wäre ein bettelnder Junge obwohl er nur nach dem Weg fragte. Obwohl ich dazu sagen muss, dass es sehr selten vorkommt, da ich einfach auch ohne zu Reden als Ausländer identifiziert werde.

Solche Situationen kommen relativ oft vor. Manchmal gebe ich etwas. Oft gebe ich aber auch nix und bereue es. Meistens gebe ich nichts weil es mir unangenehm wäre das Portemonnaie rauszuholen oder ich denke das er so übertreibt. Einmal sah ich an der Kreuzung einen Mann mit Krücken. Er wartet immer auf die Rot-Phase und läuft dann immer mit spastischen Bewegungen an den Autos vorbei. Dabei sieht es so aus als wenn er bei jedem Schritt umfällt. Als dann Grün wurde und die Autos verschwanden humpelte er aufrecht, ohne Krücken, wieder nach vorn. Ich denke so ein zwischenweg ist gut. Manche Menschen, die nix anderes arbeiten können, sind einfach in diesem Land angewiesen sich durzubetteln, weil sie sonst einfach sterben würden.

Hier gibts noch ein schönes Foto:

Panorama zwischen Guayabal und Constanza

Einen Bericht dieser kleinen Abenteuer-Reise erzähle ich euch dann persönlich auf dem DomRep-Infoabend. Hier die offizielle Einladung:

Einladung 11.09.2010 Dominikanischer-Abend

Bis bald…


Antworten

  1. Lieber Fionn – ich versteh Dich gut – es ist nicht immer leicht, jemanden nicht sofort nach dem ersten Eindruck zu beurteilen.
    Mal liegen wir richtig, mal falsch. Aber eigentlich sollte jeder Mensch eine Chance bekommen, sein Wesen zu zeigen, bevor wir ihn beurteilen. Auf den gefährlichen Strassen von Santo Domingo oder anderswo oder generell immer ist das wohl nicht möglich, aber wir sollten im Alltagsleben bewusster damit umgehen! Stell Dir vor, ich habe GERADE angefangen dieses Buch zu lesen: “Achtung! Vorurteile” von Sir Peter Ustinov (einer meiner Lieblingsschauspieler und -menschen). Ich leih’s Dir, wenn Du wieder in Wü bist! 1000 Küsse von Pedi
    Info: “Das Vorurteil ist ein Bösewicht der Weltgeschichte” sagt Peter Ustinov, und deshalb rückt er dem gefährlichen „Typisch Mann, typisch Emanze, typisch Ami“ entschieden auf den Pelz. Und fängt natürlich bei sich selbst an. Eine rasante Reise durch den Dschungel der Vorurteile und das Leben des Sir Peter. „Nach Jahrhunderten im Untergrund ist das Vorurteil als Maulwurf in unserer Mitte identifiziert worden: als einer der großen Schurken in der Besetzungsliste der Geschichte“, schreibt Sir Peter Ustinov. „Es ist verantwortlich für die Missverständnisse zwischen Nationen und Religionen. Als Waffe benutzt es die blanke Unkenntnis.“ Und eben auch Bomben. Dass es Vorurteilen im täglichen Umgang wie im globalen Zusammenleben von Völkern und Glaubensgemeinschaften zu begegnen gilt, ist dem Autor seit langem ein wichtiges Anliegen, doch in den Monaten nach dem 11. September ergriff er die Initiative: Er gründete ein Zentrum für Vorurteilsforschung, und er beschloss, dieses Buch zu schreiben. Aber natürlich hat er keinen trockenen Forschungsbericht verfasst, sondern einen kurzweiligen Exkurs durch die skurrile Welt der Vorurteile – auch der eigenen nach dem Motto „Wer über Vorurteile urteilen will, fasse sich zuerst an die eigene Nase“. Ein Buch voller Ideen und Anekdoten, mal ironisch, mal ernst, getragen von Optimismus und weisem Humor. Können wir vorurteilsloses Denken lernen? – „Ja“, antwortet Ustinov, „es sollte Unterrichtsfach in den Schulen sein.“
    Sir Peter Ustinov Institut zur Erforschung und Bekämpfung von Vorurteilen: http://www.ustinov.at/content1.htm


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